Eifel-Trauma

Eifel-Trauma

Ein Mörder zieht seine Spur durch die Eifel und hinterlässt ein chinesisches Symbol als Visitenkarte. Kommissar Kurt Laubach verzweifelt fast. Wer ist dieser Mann, der mit der Polizei zu spielen scheint? Ein Mann, der überdies wahrscheinlich für weitaus mehr Morde verantwortlich ist, als die Polizei bislang vermutete? Die Ermittlungen haben sich so gründlich festgefahren, dass Laubach zu einem letzten Mittel greift. Er setzt einen Zivilisten als Undercover- Hilfsermittler ein, den Reiseschriftsteller Roger Peters. Doch damit wird Peters selbst zur Zielscheibe-und nicht nur er, auch seine Freunde...

Der Krimi Eifel-Trauma spielt in Bad Münstereifel, in der Vulkaneifel und in Trier.

ISBN: 978-3-939727-95-8

erschienen im Machandel Verlag

http://www.buchjournal.de/1018515/

 

Leseprobe

Die meisten Bewohner des gemütlichen Eifelstädtchens Bad Münstereifel überfiel ein überschwängliches Gefühl von Erleichterung, wenn sie in ihren Heimatort zurückkehrten. Das lag an der Tatsache, dass ihr heiß geliebter Heimatort abseits der großen Hauptverkehrsadern des Rhein-Main Gebietes lag. Menschen aus der Großstadt mochten Bad Münstereifel als einen Ort am Ende der Welt bezeichnen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, die Einwohner jedoch gaben ihrer ländlichen Idylle den Vorzug vor den Betonsiedlungen in Köln oder Frankfurt. Sie liebten ihre Stadttore, die Burg, die antiken Häuser und genügend interessante Einkaufsmöglichkeiten gab es auch, wie die Touristen gerne bestätigten.
Roger Peters war nach Bad Münstereifel gefahren, um das neue City Outlet zu besuchen. Wohlwollend vermerkte er, dass hier intelligente Städteplaner am Werk gewesen waren. Sie hatten die Markenshops in die historische Altstadt integriert und bewusst drauf verzichtet, ein anonymes Center irgendwo auf eine grüne Wiese am  Stadtrand zu setzen.
Er hatte die Geschäfte gemäß der Wunschliste seiner Freundin Edith abgeklappert, war jetzt müde und wollte auf dem schnellsten Weg zurück nach Köttelbach. Das heißt, einem Einkauf hatte er noch zu erledigen. Edith wollte mehrere Knäuel von einer bestimmten Strickwolle, die es nur in dem kleinen Handarbeitsladen in Blankenheim gab. Also dann, nichts wie hin, nach Blankenheim.
Er zwängte sich hinter das Lenkrad seines kleinen, offenen Sportwagens, setzte den Blinker und fuhr in Richtung Heisterbacher Tor davon. Am Orchheimer Tor bog er in die Trierer-Straße ein und erreichte gerade den Kreisel vor der Bundesstraße, als ein roter Traktor mit Anhänger plötzlich von der Seite her auf ihn zugerollt kam. Fluchend stieg Roger in die Eisen. Welcher Volltrottel von einem Sonntagsfahrer übte hier Verkehrshindernis? Na, dem  würde er ein paar Takte zu sagen haben.
Aber die Schimpftirade erstickte im Keim. Aus der Fahrerkabine grinste ihn ein wohlbekanntes Gesicht an: Herbert Hase aus Kelberg. Der Bauer griff nach der Kappe, die er immer auf seinem Kopf trug, und winkte ihm erfreut entgegen. Roger parkte den MG am Seitenrand, sprang lässig über die Fahrertür und ging auf den Trecker zu. Was in aller Welt hatte Herbert ausgerechnet hier in Bad Münstereifel zu suchen?
Er war dem alten Kauz zum ersten Mal begegnet, als er vor drei Jahren in die Eifel kam, um seine neue Flamme Edith zu besuchen. Da hatte ihn Herbert vom Straßenrand aufgegabelt und auf seinem Trecker mit nach Kelberg-Köttelbach genommen, wo Edith wohnte. Und seitdem waren sie quasi Nachbarn. Herbert war ein lebenslustiger Bursche, der gerne einen über den Durst trank und stets für einem ausgiebigen Plausch zu haben war.
„Kann man den keinen Schritt tun, ohne dass du einem über den Weg läufst? Du hättest mit deiner Mühle beinahe meinen Roadster plattgefahren“, begrüßte Roger den Eifelbauern.
„Hi Roger“, grüßte Herbert zurück. „Du weißt doch, ist der Roadster platt wie ´n Teller, war der Traktor wieder schneller.“
Er lachte herzhaft. Roger fand seinen  Kommentar weniger lustig. Er betrachtete das Treckergespann. Sein Blick fiel auf den Anhänger, der mit einer großen, wasserdichten Plane überzogen war.
„Was ziehst du da eigentlich hinter dir her?“, fragte er.
„Das ist ein Lastzug, was? Ich hab mir gerade `ne Ladung Zuckerrüben abgeholt. War ein echtes Schnäppchen. Deshalb bin ich auch extra hier raus gefahren. Der alte Lohmann wollte die Dinger einfach nur loswerden, und mir helfen sie dabei, mit meinen Viechern über den Winter zu kommen. Komm doch nachher noch auf einen Schluck bei mir vorbei. Ich habe einen neuen Obstbrand da!“
Dabei kniff er vielsagend ein Auge zu. Roger grinste vor sich hin, wusste er doch, das Herbert heimlich Schnaps brannte. Und der war nicht von schlechten Eltern. Der Kater allerdings auch nicht, den man hinterher bekam.
„Ich komme gern später noch bei dir vorbei Herbert, aber zuerst muss ich nach Blankenheim, was für Edith besorgen. Wir sehen uns, bis später.“
„Alles Roger, Roger.“ Herbert grinste und schwang sich wieder auf seinen Trecker, während Roger zusah, dass er die Kurve kratzte. Wenn man Herbert zu viel Zeit gab, quatschte der einen buchstäblich fest.
Das vertagte er lieber auf nach dem Einkauf. Ganz ohne würde er wohl nicht davonkommen, so etwas nannte man Nachbarschaftspflege. Auch wenn Herbert gewaltig nerven konnte, zumindest erfuhr man bei ihm immer den neusten Klatsch aus dem Dorf.

Herberts Hof war einer der größten in Kelberg, und damit wahrlich nicht zu übersehen. Gerade, als Herbert mit schnellen Schritten auf den Trecker mit dem Anhänger zuging, den er in der Nähe seiner Stallungen abgestellt hatte, lenkte Roger den grünen MG auf den großen Hofplatz. Herbert blieb sofort stehen, als er das dumpfe Motorengeräusch des englischen Roadsters hörte, und drehte sich um. Roger parkte seinen Wagen in gebührendem Abstand zu dem Treckergespann. Herbert kam auf ihn zu, klopfte ihm leutselig auf die Schultern, zeigte auf den Anhänger und sagte stolz: „Warte, ich zeig dir schnell die Zuckerrüben. Danach musst du meinen Schnaps probieren.“
Sofort machte er sich daran, die Schnüre zu lösen, mit denen die Plane auf dem Anhänger befestigt war. Vorsichtig deckte er zunächst die vordere Hälfte ab und ging dann hinter den Anhänger, um den Rest der Plane aufzurollen. Dabei summte er gutgelaunt die Melodie irgendeines alten Schlagers vor sich hin. Roger wollte ihm gerade zur Hand gehen, als er einen Schrei des Entsetzens hörte. Er sah, wie Herbert die Plane losließ. Dann wankte der alte Mann ein paar Schritte zur Seite, beugte sich nach vorn und übergab sich. Roger zuckte kurz der Gedanke durch den Kopf, ob die Rüben wohl verdorben waren. Er trat an die Seitenwand des offenen Anhängers und sah hinein. Oben auf der Ladefläche lag in mitten unzähliger milchig-gelber Knollen der Körper einer jungen Frau. Und der eine Blick genügte, um zu sehen, dass sie tot war. Roger starrte benommen auf die groteske Szene, während Herbert keuchend auf dem sandigen Boden hockte. Die Frau war nackt. Obwohl ihr schlanker Körper eigenartig verdreht und schmutzig zwischen den Rüben lag, konnte Roger dennoch ihre Schönheit erkennen. Um ihren Hals hing eine Kette mit einem schwarz-weißen Anhänger. Ihr rechter Arm hing in einem unnatürlichen Winkel über die Rüben. Die roten Striemen auf  ihrem Körper, der klaffende Schnitt an ihrem Hals und die weit aufgerissenen, leblosen Augen sprachen eine eindeutige Sprache.
„Ermordet“, sagte Roger fassungslos. Erst als Herbert mit dünner Stimme fragte: "Und jetzt?", kam wieder Leben in ihn. Er drehte sich um und rannte er zu seinem Sportwagen, wo er sein Handy im Handschuhfach liegen hatte.

Das Polizeirevier in Daun zeichnete sich an normalen Tagen nicht gerade durch eine übertriebene Betriebsamkeit aus, aber heute war nun einmal kein normaler Tag.
Kaum waren die ersten Informationen über die tote Frau an die Öffentlichkeit geraten, da wurde die Kleinstadt in der Vulkaneifel bereits von Zeitungsleuten überschwemmt. Sie bevölkerten die ortsansässigen Hotels und warteten gierig auf Neuigkeiten. Die Eifrigsten unter den Reportern hatten umgehend den Eingang des Polizeireviers in Beschlag genommen. Bei jedem Öffnen der Türe fluteten ihre Rufe und Fragen zu den genervten Beamten hinein. Ein hübsches junges Mädchen war ermordet worden, und es bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie nicht die erste war, die ein brutaler Lustmörder auf dem Gewissen hatte.
Der einzige in der Umgebung, der den Trubel mit betonter Gelassenheit hinnahm, war Kommissar Kurt Laubach. Er hatte die Kollegen in Bad Münstereifel gebeten, Bauer Lohmann zu befragen und sich in Kelbach und den umliegenden Ortschaften umzuhören, ob jemand in Bezug auf die weibliche Leiche eine Beobachtung gemacht hatte. Danach hatte er die Zeitungsreporter mit einer ausdruckslosen Miene empfangen und sie auf den späteren Pressetermin verwiesen. Jetzt wartete er mit gespielter Ruhe auf den Bericht von Förster, dem erfahrenen Techniker der KTU. Niemand wusste, wie tief es in ihm brodelte, während er versuchte, nachzudenken und Fäden zu knüpfen, die, wie er hoffte, irgendwann zu einem Ergebnis führen würden.
Er hatte sich in seinem Büro verschanzt. Dies war einfach eingerichtet und nur mit den notwendigsten Dingen ausgestattet. Schreibtisch, Drehstuhl, zwei Besucherstühle, Aktenschrank und eine Landkarte der Eifel an der Wand. Auf persönliche Gegenstände hatte Laubach bewusst verzichtet.  Ihm lag nichts daran, irgendwelches private Zeug aufzustellen. Familie hatte er keine, noch nicht einmal eine feste Freundin. Im Moment wenigstens nicht, und die Fotos seiner vielen Ex-Frauen hatte er allesamt verbrannt. Abgesehen davon hätte auch ein Foto den Platz hier nicht schöner gemacht.
Vor ihm lag ein geöffneter Ordner. Die abgelaufenen Absätze seiner schwarzen Schuhe wippten auf dem Drehkreuz seines Bürostuhls. Der Stuhl war nicht mehr der Jüngste und wackelte bedenklich unter seinem Gewicht.
Sigismund kam in sein Büro und legte ihm ein Packstück auf den Tisch. Laubach schob den wackligen Stuhl etwas zurück und beäugte das Paket  missmutig.
„Was soll das sein, Schwarzenegger?“ fragte er schlecht gelaunt.
Sigismund zuckte mit seinen breiten Schultern. „Keine Ahnung, Chef. Ist heute Morgen mit der Post gekommen. Auf dem Adressaufkleber steht: An die Polizei in Daun. Das sind wir doch, oder etwa nicht, Chef?“
Laubach schnaubte ungehalten. „Und da stellen Sie mir das Ding mitten auf den Schreibtisch? Sind Sie wahnsinnig? Sie haben wohl noch nie etwas von Terroristen gehört, wie? In dem Paket könnte eine Bombe sein! Erst neulich hat so ein Idiot bei uns angerufen, und wir haben das ganze Gebäude räumen müssen.  Was, wenn er diesmal Ernst macht?“
„Es tickt aber nichts, Chef.“
„Ich weiß, Schwarzenegger. Bei Ihnen tickt schon lange nichts mehr. Sie sollten mal so langsam im digitalen Zeitalter ankommen. Mensch, Mann, schon mal was von chemischem Zünder gehört? oder gar von telefonischem Fernzünder? Sofort weg damit, in die KTU. Sollen die sich darum kümmern. Und vergessen Sie das Meeting nicht. Heute ist Mittwoch. Ich will Sie in einer Stunde im Besprechungsraum sehen, verstanden?“
Sigismund nickte pflichtbewusst. „Geht klar Chef.“
Auch wenn er nicht gerade der hellste war, so wusste er doch, dass Laubachs Launen so wechselhaft waren wie das Wetter in der Eifel. Und im Moment war ein Orkantief im Anmarsch.