Mordinstinkt

Mordinstinkt

Es könnte so schön sein an dem idyllischen Waldsee in der Eifel - wäre da nicht die Leiche einer zu Tode gequälten jungen Frau, die spielende Kinder im Wasser entdecken. Irgendetwas an dem Fall erinnert Kommissar Kurt Laubach an eine ungeklärte Serie vermisster Frauen, die bereits mehrere Jahre zurückliegt. Aber zunächst ist die Gegenwart wichtiger, denn weitere Frauen verschwinden. Darunter befindet sich auch Edith, die Freundin seines ehemaligen Schulkameraden Roger Peters. Laubach und Peters wissen eines nur zu genau: Bleibt der Täter bei seiner bisherigen Vorgehensweise, haben sie nicht mehr viel Zeit, Edith lebend zu finden...

Dieser spannende Kriminalroman spielt in den Eifelstädtchen: Daun, Kelberg, Köttelbach, sowie Bad Neuenahr, Oberwinter und Remagen am Rhein. Er widmet sich dem kontroversen Thema "Sicherungsverwahrung."

ISBN: 978-3-939727-76-7 

erschienen im Machandel Verlag.

http://www.kriminetz.de/krimis/mordinstinkt

 

Leseprobe

In der Junimitte verwirklichte Roger Peters endlich seinen Entschluss und fuhr in die Eifel. Er stieg am Bahnhof in Lissendorf aus und stand irgendwo im Niemandsland. So jedenfalls fühlte es sich an, als er auf den schmalen Bahnsteig trat. Außer Landschaft schien es hier nicht viel zu geben. Er ließ seine Reisetasche auf den Boden gleiten und schaute sich um. Hinter den Gleisen breiteten sich saftige Wiesen und dichte Wälder aus. Er war zum ersten Mal in der Eifel, zum ersten Mal in Lissendorf. Die Gegend kam ihm unverbraucht, fast schon melancholisch vor. Er betrachtete die kräftigen Farben der Natur, atmete die saubere Luft ein und spürte, wie er sich entspannte.
Er wusste, dass ihn niemand abholen würde, aber um eine Transportmöglichkeit von Lissendorf nach Kelberg, wo Edith wohnte, hatte er sich nicht gekümmert. Ist doch logisch: An Bahnhöfen findet man immer ein Taxi oder wenigstens ein Telefon. Das hatte er sich jedenfalls so gedacht, doch das war der typische Irrtum eines Mannes, der aus der Stadt kam. Denn unmittelbar am Lissendorfer Bahnhof gab es weder einen Taxistand, noch eine Bushaltestelle, und auch von einer Telefonzelle sah er weit und breit keine Spur. Er öffnete die Reisetasche und suchte nach seinem Handy. Als er es endlich fand, atmete er erleichtert auf. „Was wären wir heute ohne die moderne Technik“? Fragte er sich. Die Antwort war offensichtlich, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, eine Verbindung zu bekommen.
Ein verdammtes Funkloch! Das hat mir gerade noch gefehlt.
Langsam ging er die Straße entlang, in die richtige Richtung, wie er hoffte, und wollte gerade den nächsten Fluch aussprechen, als er in einiger Entfernung eine kleine Holz-Hütte erkannte.
„Nanu! Es gibt hier also doch eine Bushaltestelle. Na, wenigstens etwas.“ Seine Stimmung zog spürbar an, nur um abrupt wieder ins Bodenlose zu sinken, als er die kleine Hütte erreicht, -und den Fahrplan studiert hatte.
„Das gibt es doch gar nicht! Es gibt nur zwei Busse am Tag, die nach Kelberg fahren.“ Der Plan war leider eindeutig. Frühmorgens fuhr ein Bus, und einer am späten Nachmittag. Mittags war hängen im Schacht.
„Und nun? Wie soll ich verdammt noch mal nach Kelberg kommen?“ Jetzt war guter Rat teuer. „Per Pedes, wie auch sonst.“
Er schob sich missmutig seine Reisetasche über die Schulter. Die Straße gab ihm außer einer Nummer: „Bundesstraße 421“ keinerlei Hinweis, in welche Richtung er musste. Er stampfte aufs Geratewohl los. Nach ein paar Minuten traf er auf eine alte Eiche mit einem vermoderten Wegweiser. Mainz 05, die Macht am Rhein, hatte jemand in das Holz geritzt. Er musste grinsen, aber immerhin sagte ihm das Ding, dass er die richtige Richtung angepeilt hatte. Bisher waren nur wenige Autos an ihm vorbeigefahren. Trotz seiner Handzeichen hatte niemand angehalten und ihn gefragt, ob er mitfahren wollte. Nachdem er ein weiteres Stück Landstraße hinter sich gebracht hatte, sah er vor sich die ersten Anzeichen einer Zivilisation in Form von ein paar verstreut liegenden Gehöften, die allesamt dicht an der Straße lagen. Ein Namensschild für diesen Weiler war nirgends zu sehen.
Etwas tuckerte hinter ihm her. Ein relativ kleiner, roter Traktor ruckelte mit gemütlichen 25km/h die Straße entlang und kam neben ihm zum Stehen. Ein älterer Bauer winkte mit einer verwaschenen -grünen Kappe und rief ihm etwas zu. „Hey, willse mitfahn?“
„Also, geht doch! Besser schlecht gefahren, als gut gelaufen“, dachte Roger, nahm das Angebot mit einem erfreuten Rückgruß an und schwang sich auf die Radabdeckung des Traktors. Schnell konnte er feststellen, dass er nur eine Unannehmlichkeit gegen eine andere ausgetauscht hatte. Nicht nur, dass ihm eine Stunde lang der Fahrtwind ins Gesicht blies, der Bauer traktierte ihn in seinem kaum verständlichen lokalen Dialekt auch mit so etwas wie Konversation. Roger konnte sich nicht entsinnen, jemals in seinem Leben eine Entscheidung so bereut zu haben.

Am Vormittag des 27. Juni hockte Kommissar Kurt Laubach von der Kriminalpolizei Daun an seinem Schreibtisch im Dienstzimmer und kaute gedankenverloren an seinen Fingernägeln. Vor ihm lag ein Ordner. Die abgelaufenen Absätze seiner schwarzen Schuhe  wippten auf dem Drehkreuz seines Bürostuhls.  Der Stuhl war nicht mehr der Jüngste und wackelte bedenklich unter seinem Gewicht. Dabei war Laubach keineswegs übergewichtig, sondern ein hagerer Mann in den Fünfzigern mit verknitterten Hosen und bügelfreie Hemden. Erst kürzlich hatte man ihn von der Großstadt Köln nach Daun in die Eifel versetzt. Alkoholprobleme, wie die Kollegen munkelten. Sein Schreibtisch wirkte unpersönlich. Ihm lag nichts daran, irgendwelches private Zeug aufzustellen. Familie hatte er keine, noch nicht einmal eine feste Freundin. Im Moment wenigstens nicht, und die Fotos seiner vielen Ex-Frauen hatte er allesamt verbrannt.  Abgesehen davon hätte auch ein Foto den Platz hier nicht schöner gemacht.
In der anderen Ecke saß ein weiterer Polizeibeamter vor einem Schreibtisch und hämmerte auf einer alten Schreibmaschine herum. Sie gehörte Rainer Sigismund, den er aufgrund eindeutiger Gebärden nur Schwarzenegger nannte.
 Laubach schob den wackligen Stuhl etwas zurück und beäugte den Ordner missmutig. Auch wenn die Eifel tiefste Provinz war, Arbeit gab es hier trotzdem für ihn. Das Polizeipräsidium in Daun war als Kriminalhauptstelle zuständig für alle Verbrechen, die in der Vulkan-Eifel geschahen. Nur die besonders wichtigen und politisch relevanten Fälle gingen direkt nach Koblenz oder nach Trier.
Die Uhr über der Eingangstür stand auf halb elf, als Laubach den Ordner zurück in den Aktenschrank stellte. In ihm hatte er Schriftstücke über drei ungeklärte Mordfälle abgeheftet, die noch von seinem Vorgänger stammten. Laubach hatte es sich zur Regel gemacht, solche ungelösten Fälle wenigstens alle paar Monate wieder einzusehen. Vielleicht ergab sich ja doch noch eine winzige neue Information, die verwertbare Ergebnisse für den Fall brachte. Er hasste ungelöste Kapitalverbrechen. Vermutlich ein Serientäter. Die drei spurlos verschwundenen Frauen waren etwa gleichen Typs gewesen: blond, hellhäutig und groß gewachsen. Und sie waren nacheinander in einem Landstrich verschwunden, in dem normalerweise schon ein gestohlenes Huhn für Aufregung sorgte. Dann war die unheimliche Serie plötzlich abgebrochen, doch die Frauen blieben verschwunden.
Schwarzeneggers Schreibmaschine klapperte weiter durch den Raum.
„Schreibst du an einem Roman, oder was?“ bellte Laubach.
Schwarzenegger sah zu ihm auf und grinste. „Ich könnt´s ja mal versuchen Jefe. Erfahrung genug habe ich ja. Vielleicht, wie dieser Dorfpolizist in Bayern. Wie hieß der noch gleich? Naja, ist ja egal, jedenfalls hat der auch ein Buch geschrieben. Ist dann ein Bestseller geworden. Das wär auch was für mich. Dann könnte ich mir endlich ne Corvette kaufen und wilde Partys feiern.“
„So siehst du auch aus“, brummte Laubach.
„Aber im Ernst Jefe. Einmal habe ich einen Fall bearbeitet, da hat ein Typ seine Frau mit einer Telefonschnur erdrosselt. Darüber könnte ich doch schreiben.“
„Sicher, wenn du sonst nichts zu tun hast!“
„Im Ernst! Er hat seine Alte mit dem Hörer niedergeschlagen und dann mit dem Kabel erdrosselt.“
„Na dann nenn doch deine Geschichte falsch verbunden“, meinte Laubach.
„Oder wie wär`s mit Ortsgespräch, ja ja ja! Und da war dann noch eine Frau, die hat ihren Macker in der Badewanne ertränkt. Hat es wohl zu Doll getrieben, der Gute. Die Geschichte nenne ich Blubber.“
Laubach konnte nur mit dem Kopf schütteln.
Es war kurz nach elf, als seine Sekretärin an die Tür klopfte und eintrat. Auch etwas, was er von seinem Vorgänger geerbt hatte. Sie hieß Hübscher. Renate Hübscher, doch der Name allein war schon der blanke Hohn. Unscheinbar wäre der bessere Name für sie gewesen. Aber man musste die Dinge eben nehmen, wie sie kamen. Wie immer trug sie eines ihrer blassen Kostüme und dazu flache Gesundheitsschuhe, deren Farbe bestens zu ihrer Hornbrille passte.
Laubach runzelte die Stirn. „Hatten wir eine Verabredung Fräulein Hübscher? Ich kann mich gar nicht daran erinnern“, sagte er mürrisch. Sie ignorierte seine Bemerkung. Er war nun einmal so. Stattdessen sagte sie mit piepsiger Stimme: „Ich wollte ihnen nur etwas berichten, Herr Kommissar.“
Laubach blies den Aktenstaub von seinem Schreibtisch und pflanzte sich wieder dahinter.
„Also gut. Wenn es länger als fünf Minuten dauert, können sie sich setzen.“
 Renate Hübscher blieb stehen. Der Blick, mit dem sie ihn musterte, erinnerte ihn irgendwie an seine Grundschullehrerin. Dann schilderte sie, was passiert war. Einige Jungen aus dem Dorf Kelberg hatten am Mosbrucher Weiher eine Leiche gefunden.  Das war eine Sache für ihn persönlich. Er musste sofort nach Kelberg. Er gab Schwarzenegger ein Zeichen, ihm zu folgen, schnappte sich seine Jacke und lief die Treppe hinunter.