Eifel-Einstand

Eifel-Einstand

Strafversetzt in die Eifel. Das löst weder Laubachs private noch seine beruflichen Probleme. Seine Laune verbessert sich auch nicht gerade, als die Eifel ihn mit einem Puzzle aus Leichenteilen empfängt, die ein verrückter quer durch seinen Bezirk verteilt. Außerdem muss er die Feststellung machen, dass manche Eifler Frauen offensichtlich tote Männer mit toten Hunden verwechseln. Und was, bitte, soll er von dem stinkenden Keilerkopf halten, den er in aller Herrgottsfrühe vor seinem Hauseingang findet? Sollte das etwas eine Warnung sein?

Die Geschichte ist eine Hommage an Kommissar Kurt Laubach und wie alles anfing.

ISBN: 978-3-95959-010-5 

erschienen im Machandel Verlag.

 

Leseprobe

Rainer Sigismund schlief sein Resultat des gestrigen Alkoholexzesses auf einem bequemen Klappsofa im Untergeschoss des alten Fachwerkhauses aus. Sie hatten den Einstand des neuen Chefs gefeiert. Es war ein fragwürdiges Ereignis gewesen. Besagter neuer Chef hatte hatte noch nicht einschlafen können und starrte die Decke an. Kommissar Kurt Laubach hatte nicht einmal halb so viel getrunken wie sein neuer Assistent, so dass sein Kopf sich einigermaßen klar anfühlte. Und trotzdem war sein Verstand an zu dieser frühen Stunde irgendwie durcheinander. Er versuchte sich zu entspannen, spürte jedoch eine aufkommende Verkrampfung seiner Muskeln in Beinen und Rücken. Er ballte die Faust, brummte vor sich hin und rollte missmutig aus seinem Bett. Es kostete ihn merklich Mühe, in ein normales Leben zurückzukehren, auch wenn der Ärger und die Anspannung über die Strafversetzung in die Eifel zunehmend zu verblassen begannen. Mürrisch zog er sich an und riskierte dabei einen Blick in den verschmierten Spiegel, der an der seines Bettes gegenüberliegenden Wandseite hing. Die Jahre waren keinesfalls spurlos an ihm vorüber gegangen. Sein Haar war schütter, seine Gesichtsfarbe grau, und die Haut um sein Kinn herum schien wesentlich schlaffer geworden zu sein. Auch die vielen Fältchen, sowie die chronisch tiefen Ränder unter seinen Augen deuteten auf Veränderungen hin. Na ja, und sein Bauchumfang ... Hier lag seine eigentliche Problemzone. Mit der rechten Hand strich er sich sein  braunes Hemd glatt. Von wegen bügelfrei, dachte er. Übellaunig äffte er seine neue Berufsbezeichnung nach: Kommissar Laubach, Kurt Laubach, Kommissar des Morddezernats 3, Kreispolizeibehörde Daun, Region Eifel, Rheinland-Pfalz. Na, wenn das kein Titel ist...
Im Gegensatz zu den meisten früheren Kollegen in Köln, hatte ihn seine Versetzung in die Eifel nicht wirklich überrascht. Er wusste, dass der Alkohol ihn eines Tages schaffen würde, aber bis dahin blieb ihm noch ein wenig Zeit. Laubach brummte laut etwas vor sich hin und ging die Treppe nach unten um die gestrige Zeitung endlich mal aus dem Briefkasten zu holen, doch die hatte dieser Idiot von Zeitungsausträger einfach auf den Rasen geworfen. „Ich werde mich beim Verlag darüber beschweren! Schließlich kostet dieses Käseblatt verdammt genug Geld!“, brummte er vor sich hin, nahm die vom Tau gründlich durchfeuchtete Zeitung an sich und ging zurück ins Haus. Er hatte Kaffeedurst.
Auf dem Weg zur Küche kam er am Wohnzimmer vorbei. Der zusammengefaltete Klumpen auf dem Ledersofa war der Kollege Sigismund, wenn er sich richtig erinnerte. Das war vielleicht `ne Type. Wie der schon aussah! Viel zu enge Jeans in Cowboystiefeln, weißes Pilotenhemd, bis zur Mitte offen, Goldkettchen und gespiegelte Sonnenbrille. Nicht gerade ein Aushängeschild für die hiesige Kripo. Für den finde ich auch noch einen passenden Spitznamen, dachte Laubach, während er in die  Küche schlurfte und die automatische Kaffeemaschine anstellte. Als die ein einigermaßen trinkbares Gebräu fertiggestellt hatte, setzte er sich an den Küchentisch und blätterte in der Tageszeitung.
„Griechenland, Islamisten, wieder Sieg der Bayern..., die sollte man alle, wie sie da, sind auf den Mond schießen“, sagte er zu sich selbst.
Sigismunds Schnarchen drang aus dem Wohnzimmer zu ihm herüber. Jeder tiefgezogene, rasselnde Atemzug hörte sich an wie das Grunzen eines größeren Tieres. Plötzlich kam in das Schnarchen ein abruptes Stottern, dann war Sigismund wach, gähnte und streckte alle Viere von sich. Laubach schenkte ihm ein schmales Grinsen durch die offene Tür.
„Tut mir Leid. Ich habe versucht, leise zu sein. Hat wohl nicht so ganz geklappt.“
„Meine Güte, Chef“, räusperte sich Sigismund „Wie spät ist es denn?“
Laubach schaute auf seine Armbanduhr. „Gleich halb sechs.“
„Ach, doch noch so früh? Sagen Sie, schlafen Sie eigentlich nie? Ehrlich gesagt, mir würde es wesentlich besser gefallen, wenn Sie `ne Frau bei sich wohnen hätten. Dann würden Sie mit Sicherheit niemals vor halb zehn hier unten auftauchen.“
„Von wegen halb zehn. Ich habe mir vorgenommen, stets als erster vor euch Pfeifen im Büro aufzutauchen. Aber mach dir deshalb bloß keinen Kopf.“ Laubach versuchte zu lächeln. Es gelang ihm nur kurz. Sigismund erhob sich von dem Sofa und trottete in Richtung des Gästebadezimmers mit der kleinen Dusche.
„Ich spring mal schnell in den Pool“, murmelte er, ehe er hinter der Tür mit dem kleinen Herzen verschwand. Inzwischen setzte Laubach eine neue Tasse Kaffee auf. Eine, die nicht nach seinem eher masochistischem Kaffeegeschmack gebraut werden sollte. Noch während er das Kaffeepulver in den Filter schüttete, läutete das Telefon.
„Herr Kommissar?“, fragte eine aufgeregte weibliche Stimme aus dem Hörer. Wer war denn das schon wieder? Ach ja, diese graue Maus, die ab jetzt seine Sekretärin sein sollte, Fräulein Hübscher. Er hatte sie von seinem Vorgänger  vererbt bekommen.
„Was gibt`s?“, meckerte Laubach.
„Da...äh...anscheinend hat jemand eine Leiche gefunden...“
„Fräulein Hübscher, vermute ich? Immer direkt zur Sache kommen, was? Das gefällt mir. Wo, wann und wer denn, wenn ich fragen darf?“
Sie gab ihm die Details.
„Okay... ich bin schon unterwegs.“
Vorbei ist es mit gemütlichem Kaffeetrinken, dachte Laubach und legte auf. In diesem Augenblick kam Sigismund aus dem Badezimmer. Er hatte das bei ihm anscheinend übliche Grinsen aufgesetzt. „Kennen Sie schon den neusten Witz, Boss?“, fragte er.
„Was, wieso?“ Laubach war nicht bei der Sache.
„Passen Sie auf: Kommt ein Typ in eine Kneipe. Auf einem Barhocker sitzt ein alter Mann und heult. Der Typ bestellt sich ein Bier und beobachtet den Mann. Der heult und heult sich die Augen aus. Schließlich ist der Typ es leid, bestellt ein weiteres Bier und schiebt es dem Alten hinüber. Gleichzeit fragt er ihn: `Hey Alter, was ist denn mit dir los?´
Der alte Mann schluchzt und reibt sich die Augen. Schließlich sagt er: `Ich bin so verdammt verzweifelt! Vor ein paar Monaten habe ich eine hübsche Dreißigjährige geheiratet und bin noch nie in meinem Leben so glücklich gewesen. Jeden Morgen weckt sie mich sanft und macht es mir mit dem Mund. Danach serviert sie mir das beste Frühstück der Welt. Nach dem Frühstück lege ich mich wieder aufs Ohr und ruhe mich aus, bis zum Mittag. Dann nämlich kommt sie wieder zu mir, macht es mir mit dem Mund und serviert mir ein ausgezeichnetes Mittagessen. Und wieder gehe ich danach ins Bett, ruhe mich bis zum Abend aus und warte auf sie. Kurz vor dem Abendessen kommt sie abermals zu mir, macht es mir mit dem Mund und serviert mir ein exklusives Abendmahl. Danach schlafe ich durch bis zum Morgen, dann kommt sie wieder, macht es mir mit dem Mund und serviert mir das Frühstück. Sie ist wirklich die wunderbarste Frau, die man sich vorstellen kann.´ Der Typ schaut den Mann erstaunt an und meint: `Deine Sorgen möchte ich haben, alter Mann. Und warum heulst du dann ununterbrochen? An deiner Stelle wäre ich doch überglücklich, bei solch einer Frau?´
Der Mann nippt an seinem Glas. Danach verfällt er in ein erneutes Schluchzen und sagt: `Weil ich verdammt noch mal vergessen habe, wo ich wohne!´
Laubach brachte ein bemühtes Lachen zustande.
„Bist du immer so witzig am frühen Morgen?“, fragte er. „Ich habe aber auch einen Witz für dich ...“
„Sie, Boss?“, erwiderte Sigismund erstaunt.
„Ja, ich! Ein alter Bauer wartet mit seinem Treckergespann voller Zuckerrüben auf seinen Nachbarn. Der kommt, der Bauer will ihm die Rüben zeigen und macht sich daran die Plane von dem Anhänger zu entfernen...“
„Ja und, Chef? Wie geht es weiter ...?“
„Ganz einfach. Auf dem Hänger liegt eine tote Frau und die beiden rufen die Notrufzentrale an. Schnapp´ dir deine Jacke, wir müssen los, du Clown!“
Kurz darauf waren sie unterwegs, fuhren über kurvenreiche Landstraßen in Richtung Kelberg.
„Warte mal, da ist die Kirche und dahinten der Supermarkt. Einen Moment. Wir fahren jetzt auf der Waldstraße.  Jetzt brauchen wir nur noch nach der Bundestraße 410 zu suchen?
„Haben Sie eigentlich kein Navi, Chef?“
„Navi? So ein Quatsch! Siehst du hier etwa eins? Zu der Zeit, als dieses Auto gebaut wurde, benutzte man Straßenkarten, und die liegen im Handschuhfach!“
„In Ordnung, Chef.“
„Sag mal, wie lange bist du eigentlich schon bei der Truppe, Rainer?“
„Knapp ein Jahr, Chef. Ich hab damals in Koblenz die Polizeischule besucht und bin dann hier in der Eifel gelandet.“
„In der Weltstadt Daun?“
„So ist es, Chef.“
„Und wie ist Daun so?“
„Daun? Na ja ... aber die Stadt kann ja auch nix dafür.“
„Ha, ha, ha, sehr komisch!“
„Wieso? Sie sind doch auch hier gelandet Chef. Haben wohl gern mal `nen Kurzen genommen, was?“
„Erzählt man das über mich? In Wirklichkeit hab ich nur gedacht, Schnaps wäre eine Möglichkeit, möglichst schnell und fristlos entlassen zu werden, aber da muss ich mich wohl geirrt haben.“
„Man muss eben intelligent trinken, Chef.“
„So wie du, was?“
„Wenigstens habe ich noch niemals Ärger gehabt.“
Laubach zuckte mit den Schultern. „So, wir sind da“, sagte er.

Die Nacht war viel zu kurz gewesen. Trotzdem begann der nächste Tag zur gewohnten Zeit. Laubach rollte mürrisch und unausgeschlafen aus seinem Bett, zwängte sich und seinen schlabbrigen Leib in einen hellbraun-vergilbten Morgenmantel aus Frottee und ging die Treppe nach unten, um die Morgenzeitung von der Türstufe aufzuheben. Die Tür klemmte. Missmutig ließ er einen seiner deftigeren Flüche fallen und versuchte es noch einmal. Diesmal riss er kräftig am Türgriff. Die Tür knirschte und gab ruckelnd nach. Etwas sperrte ganz offensichtlich den Türfalz.
„Dieser verfluchte Zeitungsbursche!“, entfiel es ihm, doch dann sah er das Corpus delicti, und ihm stockte der Atem. In seiner Tür steckte der Kopf eines ausgewachsenen Wildschweins. Genauer gesagt, einer der wuchtigen Stoßzähne hatte sich im Türsfalz verfangen oder war ganz bewusst dort hineingedrückt worden, damit er die Tür blockierte. Laubach verschlug es die Sprache. Er hatte ja bereits eine ganze Menge erlebt, aber so etwas ... Selbst im hiesigen Wild-Erlebnispark würde der Kopf eines Wildschweines in einer Tür als äußerst ungewöhnlich gelten. Vorsicht blickte er sich nach allen Seiten um. Nichts. Da war keine Menschenseele zu sehen. Noch nicht einmal die Lausebengel aus der Nachbarschaft, die ihn für gewöhnlich mit ihrem Geschrei nervten. Er blickte die Fassade seines Hauses entlang. Hier und da bröckelte der Putz ab. An einigen Stellen war das Fachwerk morsch, und die Blumenkästen unter den Fenstern wollte er auch schon längst gestrichen haben. Zum Glück konnte er keine weiteren Viehkadaver entdecken. Aber soviel er auch schaute, auch da war niemand, der hinter der Hecke verstohlen hervorlugte und kicherte. Fliegen brummten um ihn herum. Die Ausdünstungen des Wildschweinkopfes zogen sie magisch an. Die Ruhe des frühen Tages war verschwunden. Verpufft, wie die Hoffnung, dass es für ihn ein schöner Tag werden könnte.
Laubach spürte, wie wie ihm ein Schweißtropfen den Nacken herunter auf den Rücken rollte. Zuviel Aufregung am frühen Morgen – und noch vor dem ersten Kaffee. Verdammte Schweinerei, im wahrsten Sinne des Wortes. Er griff nach dem Schweinskopf, steckte ihn in eine  schwarze Plastiktüte und warf alles in den Müllcontainer. Dabei stellte er sich die Frage, ob es sich hier nun um Sondermüll oder um natürlichen Abfall handelte. Vorsichtshalber entschied er sich gegen die Biomülltonne. Ein wenig später erschien Irma, seine Zugehfrau aus der Ukraine, mit einem großen Korb aus Bast.
„Ich hoffe nicht stören?“, fragte sie.
Laubach grinste, als er das ukrainisch-deutsche Kauderwelsch hörte und merkte wie der Ärger langsam von ihm wich.
„Möchten Sie einen Kaffee, Herr Laubach?“ fragte Irma. „Ist beste Kaffee aus die Türkei. Und dazu, wie sagt man noch? Küchen aus meine Heimatland!“
„Küchen?“, fragte Laubach, dann wusste er, was sie sagen wollte.
„Ach so, Sie meinen sicher Kuchen. Sehr gerne Irma. Ich nehme ein Stück.“
Er war froh über die unverhoffte Ablenkung. Irma kam zweimal die Woche zu ihm, räumte auf und machte sauber. Jetzt fütterte sie seine Kaffeemaschine und stellte eine Kanne und zwei Tassen auf den Küchentisch.
„Ist Nusskuchen“, sagte sie verheißungsvoll. „Tag fängt viel leichter an nach eine gute Tasse Kaffee, und Sie ... immer so viele Überstunden machen ...“
Wo sie recht hatte, hatte sie recht.
„Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen, Irma.“
Sie lächelte für einen Moment und wollte noch etwas sagen, als sich die Tür hinter ihr bewegte. Es war jene Tür, die zu dem führte, was Laubachs seinen kleinem Gemüsegarten nannte, auch wenn momentan weitaus mehr Unkraut als Gemüse darin wuchs. Irma hatte sie  vorhin nicht richtig hinter sich verschlossen, und nun schwang sie wie von Geisterhand ein kleines Stückchen wieder auf. Während Laubach und Irma noch erstaunt zur Tür sahen, tappte eine schneeweiße, zierliche Katze in den Raum. Außer Irma war sie bislang das einzige weibliche Wesen, das Laubach in seiner neuen Residenz besuchte. Die Katze konnte man auch nicht unbedingt als sein Haustier bezeichnen. Sie kam einfach vorbei, wann immer sie es wollte. Diesmal trug das Tier eine abgebissene halbe Maus zwischen den Zähnen und ließ den Kadaver prompt vor Laubach auf den Boden fallen. Der spielte den Entrüsteten. „Aber Aphrodite! Du weißt doch, dass ich keine Mäuse mag und am wenigsten in meinem Haus! Nicht einmal für Versuchszwecke, wenn das hier ein Laboratorium wäre, und du schleppst sie mir trotzdem regelmäßig an!“
Ein Blick zur Seite zeigte ihm, dass Irma sich an die Lehne des Küchenstuhls klammerte. Ihr Gesicht war kreidebleich geworden.
„Ist ja schon gut!“ Laubach grinste und griff gleichzeitig nach dem kleinen Handfeger, den er immer parat hatte für den Fall, dass ihm selbst etwas auf den Boden fiel. Die Maushälfte verschwand sofort im Mülleimer und Aphrodite bekam einen kleinen Klaps auf den Katzenrücken, den sie mit einem Miauen beantwortete. Zunächst machte sie einen Buckel, dann jedoch ging sie demonstrativ vor ihm in Stellung und leckte sich die Pfoten. Ihre ganze Haltung sagte: Wie kann man nur einen solchen Leckerbissen einfach auf den Müll werfen?
Laubach streckte die Hand nach der Katze aus. Aphrodite kam nach einigem Abwägen zu ihm, rieb sich an seiner Wade und schnurrte, was Irma zu einem nachdenklichen Stirnrunzeln veranlasste. Fast gewaltsam riss sie sich von dem Anblick los und wandte sich wieder ihrer Kaffeetasse zu. Sie wirkte verunsichert. Laubach hatte das Gefühl, dass sie wahrscheinlich keine Katzen und noch weniger Mäuse mochte. Nun, es gab einen sicheren Weg, sie zu besänftigen, so gut kannte er sie inzwischen. Er probierte den Kuchen. „Mm, der ist aber gut, nochmals vielen Dank. Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen“, sagte er.
Irma strahlte ihn an, schwieg aber weiterhin beharrlich und rührte sich nicht. Laubach war irritiert. Eigentlich sollte sie aufstehen und sich an die Arbeit machen und Laubach in Ruhe seinen Kaffee trinken lassen, aber irgendetwas hinderte sie daran. Wollte Irma wirklich lieber die ganze Zeit die Katze im Auge behalten, als das zu tun, wofür Laubach sie bezahlte?
Wie dem auch sei, es war Aphrodite, die ihr die Entscheidung abnahm. Bisher hatte sie ihren zierlichen Körper an Laubachs Wade gerieben, aber nun löste sie sich von ihm, drehte sich um und schlich zielstrebig auf die Ukrainerin zu. Dabei legte sie die Ohren an, machte einen Buckel und verwandelte sich vom Schmusekätzchen in ein Raubtier, welches seine Beute angreifen wollte. Gleichzeitig wich ihr sanftes Schnurren einem Geräusch, das eher zu einem großen Hund gepasst hätte. Irma zuckte zusammen.
„Aphrodite, jetzt ist aber Schluss!“,schimpfte Laubach. Die Katze reagierte nicht auf seine Stimme, wie sie es sonst für gewöhnlich tat. Stattdessen machte sie einen Satz und landete genau auf Irmas Füßen. Die Ukrainerin gab einen quietschenden Laut von sich und schob eine Hand vor ihren Mund. Ihr Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. Fast simultan sprang sie vom Stuhl auf und griff mit der anderen Hand nach der Kaffeekanne.
„Katze nix gut!“, sagte sie zornig. „Ist böse Katze!“ Ihre Augen funkelten. Laubach musste an sich halten, um nicht laut loszulachen.
„Ich nix mehr herkommen, wenn Katze ist da“, erklärte Irma in immer noch wütendem Ton. Sie packte den Nusskuchen in ihren Korb, trug Tassen, Teller und die Kanne in die Spüle und verschwand aus der  Küche, noch ehe Laubach etwas zur Wiedergutmachung hätte beitragen können. So beugte er sich nur hinunter zu Aphrodite. Die tat so, als könne sie kein Wässerchen trüben, setzte sich wieder vor ihn hin und fing an zu schnurren.
„Eifersüchtiges Vieh!“, schimpfte Laubach liebevoll. „Ihr Frauen seid doch wirklich alle gleich. Als ob du einen Anspruch auf mich hättest. Irma ist doch ganz nett. Und sexy ist sie auch. Musstest du mir denn ausgerechnet den einzigen Lichtblick vergraulen, den mir diese Hütte hier noch bietet?“
Als Antwort rieb Aphrodite wieder ihren schlanken Körper an seiner Wade. Ihr Schnurren wirkte jetzt noch lauter. Sie schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein, ganz im Gegenteil zu Laubach. Und trotzdem hatte er für einen kurzen Moment den Vorfall mit dem Wildschweinkopf vergessen.
Er sollte aber sofort wieder daran erinnert werden.
In einem der Hinterzimmer hörte er Irma rumoren. Sicher war sie gerade dabei Staub zu wischen. Etwas klackte, dann ertönte ein Brummen, auf das Aphrodite sofort mit Rückzug reagierte. Irma hatte offenbar den Staubsauger in Stellung gebracht. Kurz darauf ertönte nur ein Wort: „Ebat!“
Es war so ziemlich das einzige, was Laubach auf Ukrainisch verstand, denn Irma benutzte es immerzu. Also hatte er sie einmal danach gefragt. Ebat bedeutet Scheiße.
Was ist denn nun schon wieder los?
Die Antwort kam wie der Wind. Wütend kam Irma zurück zu ihm in die Küche gerauscht. Dort blieb sie aber zunächst an der Tür stehen und blickte sich vorsichtig um. Aphrodite war nirgends zu entdecken. In den Händen hielt Irma einen prallgefüllten Staubsaugerbeutel.
„Mist! Den habe ich völlig vergessen auszutauschen!“ Noch ehe er mehr sagen konnte, war sie bereits aus der Haustür, ging auf die Mülltonen zu, öffnete den Deckel der Biotonne ... und schrie.
„Ebat ... Igitt! Was ist das denn?“
Jetzt hatte sie auch noch den Schweinskopf entdeckt.  Laubach wusste, was jetzt kommen musste, und eilte zu ihr hinaus.
„Ich war`s nicht!“, sagte er mit schuldbewusster Miene. „Ich meine, ich habe den Keiler nicht erledigt. Das Ding hat man mir vor die Tür gestellt.“
„Böses Omen ... ganz böses Omen!“, erwiderte Irma, die sich langsam wieder von ihrem Schreck erholte. „Schweinskopf bringen Unglück“, fügte sie hinzu und rannte so schnell sie konnte zurück in das Haus.
„Wer das sein gewesen?“, fragte sie ein wenig später, nachdem sie sich beruhigt hatte. Laubach zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich die beiden Gören aus der Nachbarschaft. Ich werde sie nachher zur Rede stellen. Jetzt gehe ich erst mal duschen.“ Und genau das tat er auch.
Als er damit fertig war, rasierte er sich, zog seine heißgeliebte hellbraune Stoffhose an und schwang sich in ein hellblau kariertes, bügelfreies Hemd. Seine Bürouniform, wie er seine modisch-trendy Aufmachung nannte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er spät dran war. „Ich muss los, Irma, nach Trier!“, rief er ihr zu, in der Gewissheit, dass die Ukrainerin alles zu seiner Zufriedenheit erledigen würde.