Mein neuer Eifelkrimi "Eifel-Roulette" ist gerade im Machandel Verlag erschienen...

Willkommen auf der Homepage des Autors Peter Splitt

Manchmal ist ein Buch Dein bester Freund.

 

 

 

 

 

 Der Mann hatte genau noch fünf Minuten zu leben. Was er nicht wusste, denn sonst hätte er wahrscheinlich nicht seine letzten Minuten damit verbracht, sich die verregneten Hügel der östlichen Eifel anzusehen, an denen sein Wagen auf dem Weg zur ehemaligen belgischen Grenze vorbeiraste. Das Wetter und die Monotonie der Landschaft schlugen ihm aufs Gemüt.

 

Ich sollte für ein wenig Musik sorgen, dachte er, machte mit seiner rechten Hand das Radio an und suchte einen passenden Sender, während seine linke das Lenkrad umfasste. Auf der Bundesstraße 258 war kein Verkehr. Er kramte in dem Fach herum.

 

Ah, da hinten kommt ja schon die Kreuzung. Welche Abbiegung muss ich noch mal nehmen, die rechte oder die linke?

 

Er entschied sich für die linke und gab richtig Gas.

 

Noch zehn Sekunden.

 

Plötzlich war er da, der kleine Sportwagen. Er hatte ihn überhaupt nicht kommen sehen.

 

Noch eine Sekunde.

 

Er riss das Lenkrad herum, versuchte zu bremsen, spürte, wie der Wagen hinten ausbrach.

 

Noch eine halbe Sekunde.

 

Sein Wagen schleuderte und raste auf den Abhang zu.

 

Noch eine zehntel Sekunde.

 

Der Wagen donnerte durch die Fahrbahnmarkierung den Abhang hinunter und überschlug sich.

 

Die Explosion katapultierte ihn aus dem Fahrersitz.

 

Die beiden Polizisten sahen sich die Bescherung erschrocken an. Darauf hatte die Unfallmeldung sie nicht vorbereitet. Auf der kleinen Lichtung unterhalb der steilen Böschung sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Das Unfallfahrzeug war völlig ausgebrannt. Der Fahrer, beziehungsweise das, was noch von ihm übrig war, lag einen guten Meter daneben. Sie konnten nichts mehr für ihn tun. Er musste sofort tot gewesen sein.

 

Also machten Sigismund und Wiese sich an die übliche Routine: Den Unfallort sichern, Indizien sammeln, Zeugen befragen. Da war zunächst das Pärchen, das in dem Sportwagen gesessen hatte. Die beiden jungen Leute standen unter Schock. Sie hockten auf dem Boden neben ihrem Fahrzeug und versuchten zu begreifen, was geschehen war. Die Frau weinte, schüttelte immer wieder den Kopf. Der Mann sagte kein Wort, blickte mit entsetzter Miene auf die Bremsspuren, die deutlich auf dem Asphalt zu erkennen waren. Er konnte unmöglich Schuld sein, er war doch nur ganz gemütlich mit seiner Frau durch die Gegend gegondelt. Und dann das. Er hatte den Unfall nicht mal kommen sehen. Der andere Wagen war viel zu schnell gefahren.

 

Wir hatten Vorfahrt“, sagte er hilflos zu Sigismund, der ihn zu dem Unfallhergang zu befragen versuchte, während sein Kollege Wiese die Unfallstelle und den Toten näher in Augenschein nahm.

 

Ich weiß auch nicht“, erklärte der junge Mann weiter. „Es ging alles so rasend schnell. Auf einmal war der schwarze Touran da. Der Fahrer muss uns zu spät bemerkt haben, ist dann voll in die Eisen gestiegen und hat das Lenkrad herumgerissen. Aber damit hat er den Wagen zum Schleudern gebracht, ist dann direkt auf den Abhang zu gefahren und …“

 

Der Rest war angesichts des Trümmerfeldes da unten auf der Lichtung leicht vorstellbar.

 

Hey, Rainer!“, rief Wiese von der anderen Seite der durchbrochenen Leitplanke zu seinem Dauner Kollegen hinauf. „Ich glaube, ich habe seine Brieftasche gefunden. Da drin steckt ein Führerschein und ein Personalausweis. Lag mindestens fünfundzwanzig Meter weg von dem Auto. Die Explosion muss verdammt heftig gewesen sein.“

 

Sigismund schenkte dem Kollegen von der Polizeidirektion Mayen-Koblenz einen vielsagenden Blick, nahm seine Sonnenbrille ab und wischte mit dem Zipfel seines weißen Pilotenhemdes über die verspiegelten Gläser. Darin hatte er eine gewisse Übung entwickelt. „Na, glaub ich gerne, so wie das bei dir da unten aussieht! Ich denke, du kannst den anderen Kram getrost dort liegenlassen. Die Wühlmäuse von der KTU graben nachher sowieso noch einmal alles um. Bring die Brieftasche mit und komm nach oben. Ich bin mit den beiden Zeugen hier soweit durch. Der Notarzt und der Leichenwagen werden auch gleich da sein. Dann müssen wir nur noch die Personalien des Unfallopfers an Laubachs Sekretärin durchgeben, damit die Hübscher jemanden organisieren kann, um dessen Angehörige zu benachrichtigen. Gut, dass diese Aufgabe nicht an uns hängen bleibt. Ich hasse, es Todesnachrichten zu überbringen. Also los, Kollege, komm schon rauf.“

 



 

Den Papieren nach hieß der Tote Werner Metzger, war 56 Jahre alt und wohnte in Euskirchen. Als nächste Angehörige war seine Frau Christel gemeldet, die gerade dabei war, Frühstück zu machen, als sie durch das Klingeln an der Haustür unterbrochen wurde.

 

Werner, magst du keinen Kaffee heute Morgen?“, rief sie durch das Fenster hinunter auf den Hof.

 

Jetzt nicht, ich muss zuerst die Hühner füttern.“

 

Hast du gehört, es klingelt an der Tür. Wer das wohl um diese Uhrzeit sein mag?“

 

Na, das erfährst du am ehesten, wenn du mal nachsiehst!“ Werner fütterte kopfschüttelnd die Hühner weiter.

 

Christel ging zur Tür, öffnete und starrte in die trübseligen Gesichter zweier Männer in Uniform.

 

Ja bitte?“

 

Einer der beiden Männer kratzte sich am Kinn. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Sind sie Frau Metzger?“

 

Ja, die bin ich. Was kann ich für Sie tun?“

 

Der Mann schluckte. Man sah ihm an, dass er sich nicht besonders wohl in seiner Haut fühlte.

 

Dürfen wir vielleicht für einen Augenblick zu Ihnen ins Haus kommen?“

 

Christel Metzger überlegte. Dann sagte sie: „Aber sicher. Treten Sie nur ein.“

 

Sie ging von der Tür ein Stückchen zurück in den Flur und lehnte sich an den Türrahmen.

 

Ich bin Wachtmeister Liersen von der Verkehrspolizei Euskirchen. Ihr Mann hatte einen Autounfall, Frau Metzger.“

 

Sie schnappte nach Luft. „Was sagen Sie da, einen Autounfall, mein Mann?“

 

Ja, gestern, am späten Abend. Es tut mir wirklich sehr leid, er ist … tot.“

 

Jetzt krallte Christel Metzger ihre Fingernägel in den Türrahmen. „Tot?“, fragte sie ungläubig.

 

Ja leider, schlimme Sache. Meine Kollegen aus Daun haben ihn … ach was, mein herzliches Beileid, Frau Metzger!“

 

Der Beamte versuchte ein paar tröstende Worte zu finden, doch Christel Metzger reagierte völlig anders, als er es erwartet hatte. Plötzlich und unerwartet ließ sie den Türrahmen los, kam auf ihn zu und schimpfte erbost auf ihn ein.

 

Sagen Sie mal, das soll wohl ein übler Scherz sein, was? Was fällt Ihnen überhaupt ein? Wie können Sie so etwas erzählen? Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“

 

Die beiden Polizisten sahen sich verwundert an. Solch eine krasse Reaktion hatten sie nicht erwartet. Doch bevor sie reagieren konnten, drehte Frau Metzger sich bereits um und rief: „Werner!“

 

Ja?“

 

Die Stimme kam von irgendwo weiter unten.

 

Werner, komm doch mal her!“

 

Was ist denn? Ich bin noch bei den Hühnern!“

 

Na, komm bloß mal her und hör dir das an!“

 

Ja warte, ich komm schon. Was ist denn los?“

 

Die beiden Polizisten blickten sich an. In ihren Augen zeigte sich Ratlosigkeit. Ein Mann erschien auf der Bildfläche.

 

Verzeihung, Frau Metzger, wer ist der Herr?“, fragte einer der beiden Beamten.

 

Na, das ist mein Mann!“

 

Wie bitte?“

 

Der Mann blickte die beiden Beamten mit großen Augen an. „So, da bin ich. Was will denn die Polizei schon so früh von uns?“

 

Christel Metzger war in ihrem Element.

 

Stell dir vor, sie behaupten, du hättest einen Unfall gehabt.Was, ich? Das kann doch nur eine Verwechslung sein.“

 

Der Polizist, der gerade noch die Frage gestellt hatte, drängte sich dazwischen. „Entschuldigung, wie heißen Sie?“

 

Werner Metzger!“

 

Wann und wo sind sie geboren?“

 

12. Oktober 1961, hier in Euskirchen.“

 

Aber … Können Sie sich ausweisen?“

 

Ja, selbstverständlich. Mein Ausweis liegt in der Nachtkonsole im Schlafzimmer. Einen Moment, ich werde ihn sofort holen Danke, ich warte.“

 

Der Mann ging in eines der hinteren Zimmer. Zwei Minuten später war er zurück. „Ist denn irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte er.“

 

Nicht in Ordnung ist gut. Heute Morgen um 6:50 Uhr ist bei einem Verkehrsunfall auf der B 258 in der Nähe von Schleiden ein Werner Metzger tödlich verunglückt. Wir haben vorhin die Meldung hereinbekommen, die Personalien stimmen völlig mit den Ihren überein.“

 

Werner Metzger machte eine Miene, die erahnen ließ, dass er überhaupt nichts verstand.

 

Was? Das gibt es doch gar nicht!“

 

Anscheinend doch!“

 

Jedenfalls bin ich der richtige Werner Metzger, oder wollen sie das bezweifeln?“

 

Nun, ich denke, das kann Ihre Frau hinreichend bestätigen. Allerdings hatte der andere seinen Wohnsitz laut Ausweis ebenfalls unter dieser Adresse.“

 

Jetzt mischte Christel Metzger sich sichtlich erbost wieder ein. „Aber ich werde doch wohl noch meinen Mann kennen!“

 

Der Beamte versuchte sie zu beschwichtigen. „Ja, ja natürlich. Aber seltsam ist das Ganze schon. Nichts für ungut, gnä´Frau, wir tun ja nur unsere Pflicht. Sie werden noch von uns hören.“

 

Na ich weiß ja nicht …“, brummte Herr Metzger.

 

Auf Wiedersehen.“

 

Nur ungern.“